Die Newsletter-Rubrik TATENDRANG richtet ihren Fokus regelmäßig auf neue oder bewährte Projekte an unserem Schulstandort. Das Projekt, das hier geschildert wird, greift auf einen über die Jahre bewährten Ablauf zurück. Die Erfahrungen, die die Kinder im Rahmen der Zusammenarbeit von Schule und Praxisstätte sammeln konnten, sind ganz „frisch“, wie die Zitate der Kinder zum Abschluss zeigen…

 

Unser Mathe-Projekt im Praxiskindergarten

Jedes Jahr gegen Ende April, Anfang Mai nehmen die Kinder des Praxiskindergartens Kettenbrücke in Innsbruck an einem Mathematik-Projekt teil, welches die Schülerinnen und Schüler des zweiten Jahrgangs der KBAfEP durchführen und mit Hilfe ihrer Praxis- und Mathematiklehrpersonen sowie den Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen des Praxiskindergartens vorbereiten.

Die Vorbereitung auf dieses Projekt beginnt in der ersten Klasse. Die Schülerinnen und Schüler lernen die theoretischen Hintergründe der Entwicklung des Zahlbegriffes bei Kindern bereits im ersten Jahrgang kennen und haben die Möglichkeit, die unterschiedlichen Entwicklungsstufen bei einem mathematischen Impuls, welchen sie Kindern im Praxiskindergarten anbieten, zu beobachten.

Der Zahlbegriff entwickelt sich bei Kindern über das allmähliche Verbinden von Wissen über Mengen, über Anzahlen und über das Abzählen.[1] Anfangs lernen Kinder die Zahlwörter kennen, ohne sich ihrer Bedeutung im Klaren zu sein. Später können sie diese Worte in der richtigen Reihenfolge aufsagen, gewisse Prinzipien beim Abzählen einhalten und erkennen, dass das letztgenannte Zahlwort für die Anzahligkeit steht. Ein Entwicklungsprozess, der nicht von heute auf morgen stattfindet, der weder gelehrt noch „beigebracht“ werden kann, bei welchem wir die Kinder nur begleiten können, sodass er sich ihnen nach und nach erschließt.

Das gelingt insbesondere dann gut, wenn wir ein Gespür dafür entwickeln, wann und wie sich Kinder mit Mathematik auseinandersetzen, wenn wir erkennen, wo Kinder in ihrem mathematischen Tun stehen, und ihnen ein geeignetes Umfeld bieten, damit sie sich weiterentwickeln können. Aber auch dies kann man den Schülerinnen und Schülern nicht einfach „beibringen“, sie müssen selbst erfahren können, wo und wie die Theorie in der Praxis zu Tage tritt. Ein guter Grund für ein Mathe-Projekt.

Mathematik ist die Wissenschaft, die durch Definitionen selbstgeschaffene abstrakte Strukturen mittels der Logik auf ihre Eigenschaften und Muster untersucht.[2] Das ist auch im Kindergarten allgegenwärtig: Kinder sortieren, ohne dass sie dazu aufgefordert werden, bringen Objekte in eine bestimmte Reihenfolge, orientieren sich im Raum, erkennen Strukturen, erfinden verschiedenste Muster[3].

Kindern die Möglichkeit zu bieten, über die Eigenschaften, nach welchen das Sortieren erfolgt, nachzudenken, zu begründen, wie die Reihenfolge entstanden ist, gemeinsam Muster zu suchen, zu untersuchen und Begriffe kennenzulernen, um über all das kommunizieren zu können, das ist Mathematik und hilft, das Denken zu ordnen und sich in der Welt zurechtzufinden. Auch hierbei werden verschiedenste Entwicklungsschritte durchlaufen: Vom Sortieren nach einer leicht sichtbaren Eigenschaft bis zur detaillierten Klassifizierung, von keiner Bezugnahme auf vorherige Muster bis zur bewussten Weiterführung eines Musters[4], vom Erkennen einfacher räumlicher Strukturen bis zum zielgerichteten selbständigen Nutzen von Strukturen[5]. Näheres dazu erfahren die Schülerinnen und Schüler im 2. Jahrgang, sodass sie für das Projekt „theoretisch“ gut vorbereitet sind.

Im heurigen Schuljahr fand das Mathe-Projekt nicht wie in den Jahren zuvor[6] in den Räumlichkeiten von Kindergarten und Hort statt, es wurde in den Garten verlegt, was einerseits viel Bewegungsfreiheit ermöglichte und die Corona-Bestimmungen leichter handhabbar machte, aber den Kindern auch viel Ablenkung bot. Für die Schülerinnen und Schüler unserer Schule stellte das Projekt eine besondere Herausforderung dar, denn sie hatten aufgrund der Covid-19-Situation weder im letzten noch im heurigen Schuljahr 2020/21 viel Praxiserfahrung sammeln können. Nichtsdestotrotz waren sie äußerst kreativ, entwickelten vielfältige Ideen zur Umsetzung mathematischer Inhalte – die Fotos geben einen kleinen Einblick – und ließen sich auf die Vorstellungen der Kinder ein.

Ingrid Rieder, Sonderkindergartenpädagogin des Praxiskindergartens, hat im folgenden Abschnitt die Stimmung der Kinder kurz nach dem Projekt eingefangen.

Für die Kinder war das Projekt ein Highlight, berichtet das Team des Praxiskindergartens, es könnte jede Woche stattfinden, wenn es nach den Kindern ginge.

Carlos findet: „Wir waren echt fleißig.“, und Selim meint: „Es war so gut.“, worauf Luise antwortet: „So stelle ich mir Schule vor.“ Marie ist froh, dass sie an diesem Tag ihre Schultasche dabei hatte, und meint: „Wir waren ein gutes Team.“, worauf Seraphina ergänzt „I hoff, des is jetzt jeden Mittwoch.“ Paul meint: „Das Papierfliegerschießen und Messen war sehr cool!”, und Lorenz fügt hinzu: “Dosenwerfen war toll. Aber schon schwer. Des hab nit amal i gschafft.” Dass ein solches Projekt anstrengend ist und einen großen Hunger zutage fördert, erklärt die Aussage von Oskar: “Also a paar Brote mehr hättesch schon streichen können, Michael.”

Der Bericht wurde von Mag. Ursula Albrecht, Lehrerin für Mathematik, Physik und Angewandte Naturwissenschaft an der KBAfEP, verfasst.

 

[1] skills integration model, vgl. u.a. Grüßing et al. 2007, S.83

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Mathematik#Inhalte_und_Methodik

[3] Muster sollen hier nicht nur im Sinne geometrischer Muster gedacht werden, auch in Bewegungsabläufen, in Spielen, bei Zahlen, in Liedern, in zeitlichen Abfolgen oder in Geschichten gibt es Muster zu entdecken

[4] Threlfall, J (1999). Repeating Patterns in the Early Primary Years. In A. Orton (Hrsg.), Pattern in the Teaching and Learning of Mathematics (S. 18 – 30). London: Cassell.

[5] Nes van, F. T. (2009). Young children’s spatial structuring ability and emerging number sense. Utrecht: Utrecht University

[6] Das Projekt besteht nun seit dem Schuljahr 2011/12, nur im Frühjahr 2020 konnte es nicht stattfinden.