Sprachbegleitung im Kindergarten

Sprachbegleitung
Fabian schwingt mit den Seilen, Alexandra sitzt in der Bohnenwanne und kocht mit ihrer Freundin Susi dort eine Suppe. Phillip und Clara transportieren die großen Pölster die Treppe hinauf. Leon ruft: „Ich habe Orange!“ Er ist gerade dabei, mit Farben zu experimentieren.
In der Spiel-, Lern- und Denkwerkstatt hat jeder zu tun. All die beschriebenen Tätigkeiten lassen Bilder von Kindern im Handeln entstehen. Indem Kinder in Erfahrungsräumen ins Tun und Handeln kommen, lernen sie. Es findet Bildung statt. Unter anderem entwickelt sich aus diesem Handeln heraus die Sprache. Sprachentwicklung kann nie isoliert von anderen Entwicklungsbereichen betrachtet werden. Die Basiswahrnehmung (propriozeptives, vestibuläres und taktiles System) ist das Fundament der Sprachentwicklung. Daher braucht das Kind zahlreiche sensomotorische Erfahrungsmöglichkeiten, um ein festes Grundgerüst für die Sprachentwicklung aufbauen zu können. Sprachraum ist gleichzeitig Bewegungsraum und sollte Möglichkeiten zum hüpfen, springen, schwingen, klettern,…bieten.
Ich wende mich Leon zu und frage nach, wie er das gemacht hat. „Rot und Gelb habe ich zusammengemischt.“, erklärt er mir. „Könntest du versuchen, ein richtig sattes Frühlingsgrün herzustellen?“, frage ich. Grün ist meine Lieblingsfarbe. Dann wende ich mich wieder Lukas zu, der mir gerade die Geschichte für seine aufgeklebten Tierbilder erzählt. Ich schreibe auf, was Lukas sagt. Wir arbeiten gerade an seinem Buch.
Sprachbegleitung findet im pädagogischen Alltag ständig statt. Dafür braucht es ein Verständnis für die Gesamtentwicklung des Kindes und viele Anlässe die die Kinder zum Sprechen anregen. Ebenso wichtig sind Begleiterinnen und Begleiter, die sich mit dem Kind auf ein gemeinsames Thema einlassen und mit ehrlichem Interesse mit ihm in Resonanz gehen. Zahlreiche Tätigkeiten können Ausgangspunkt für sprachliche Begleitung sein. Für uns geht es nicht darum, im klassischen Sinne zu „fördern“, sondern Möglichkeiten zu schaffen, Sprache lustvoll und alltagsintegriert zu erleben.
„Jetzt habe ich ein richtiges Leuchtgrün!“, höre ich Leon laut rufen. Ich spüre Leons Begeisterung und auch die Freude in mir. Gemeinsam halten wir das Reagenzglas ins Licht. „Wie hast du das nur gemacht?“, frage ich neugierig und Leon erklärt mir genau, wie viele Tropfen er von welcher Farbe zusammengemischt hat.
Wenn wir kindliches Lernen, die kindliche Entwicklung, genau betrachten, lernt ein Kind immer dann,wenn es durch und durch begeistert von etwas ist, wenn etwas unter die Haut geht, wie es der bekannte Neurowissenschaftler, Gerald Hüther, beschreibt. Beim Lernen und Entwickeln der Sprache ist es nicht anders. Wir können uns also die Frage stellen: Wie können wir ein Kind so begeistern, dass es für sein Tun und Denken sprachlichen Ausdruck findet? Indem wir Kinder beobachten und genau hinsehen, was sie machen und daran anknüpfen, ergeben sich zahlreiche Anlässe, um Handeln und Sprache zu verbinden.
In der Linsenwanne sitzt der dreijährige Georg. Er ist vertieft beim Hin- und Herschütten der Linsen vom einen Gefäß ins andere. Ganz genau beobachtet er das Herunterrießeln der Linsen. „Kochst du die Suppe und ich backe den Kuchen?“, fragt Alexandra ihre Freundin Susi in der Bohnenwanne. „Ja. Und dann koche ich noch einen Tee. Magst du mit oder ohne Zucker?“
Aus dem Handeln heraus kommt das Kind zum Sprechen. Aus dem Funktionsspiel, bei dem das Handeln mit dem Objekt im Vordergrund steht, wie es beim jungen Georg der Fall ist, entwickeln sich das Symbol- und Rollenspiel. Dabei geht es bereits darum, etwas aus der Vorstellung auszudrücken und Gedanken und Ideen mit anderen Kindern zu teilen. Spielentwicklung und Sprachentwicklung sind also auch eng miteinander verbunden. In diesem Zusammenhang ist die Bedeutung des Voneinander-Lernens hervorzuheben.
Sprachentwicklung wird durch das gemeinsame Spiel der Kinder untereinander bestmöglich unterstützt.
In unserer Spiel-, Lern- und Denkwerkstatt stehen die eben beschriebenen Prozesse im Zentrum unseres pädagogischen Alltags. Wir sehen Sprachbegleitung eingebettet im Bewegen, Tun, Handeln und Spielen der Kinder.

Sprache aus dem Koffer
Wie können wir vielfältige Sprachanlässe gestalten, auch wenn Räume und Materialien durch die momentanen „Corona-Maßnahmen begrenzt sind?
Diese Frage stellte ich mir. Eine Idee, die aus der Begrenzung der Kinderanzahl in den Gruppenräumen aufgrund der Corona-Krise entstanden ist, ist der Sprachkoffer. Dabei handelt es sich um einen Koffer, der Materialien beinhaltet, die Kinder zum Handeln und Spielen und in diesem Zusammenhang zum Sprechen begeistern. So findet man in diesem Koffer Sinnesmaterialien, wie Linsen und Bohnen, unterschiedliches Recyclingmaterial, das Kinder zum kreativen Ausdruck anregt, Bilder, mit denen Geschichten geschrieben werden, Figuren und Puppen für das Rollenspiel, Bücher mit vielen Bildern zum Anschauen und Erzählen, Farben zum Mischen und Experimentieren….
Da momentan nur eine gewisse Anzahl von Kindern in den Gruppenräumen sein kann, kommt es vor,dass Kinder in andere Räume ausweichen müssen, die nicht mit allen Materialien eines Gruppenraumes ausgestattet sind. Mit einem „Sprachkoffer“ können verschiedene Räume sehr schnell und flexibel „besiedelt“ werden. Auch in Gruppenräumen können mit dem Sprachkoffer in einer Nische oder in einem Nebenraum Kinder sehr ganzheitlich begleitet werden.
Anna Neyer